Der ganze erste Tag der BDSRA
Familienkonferenz in Kansas City enthielt Updates von Wissenschaftlern,
deren Arbeiten zum Verständnis des Einflusses von NCL auf das Gehirn
führen sollen. Die Vorträge wurden in zwei Veranstaltungen unterteilt.
Die erste konzentrierte sich auf einen Rückblick über die Fortschritte
bei den verschieden Formen von NCL und auf die Lehren, die aus den zur
Verfügung stehenden Modellen gezogen werden konnten. Danach wurden
erste Schritte zur Entwicklung von Therapien diskutiert.
David Pearce (University of
Rochester) gab
einen generellen Überblick über das, was wir über die verschiedenen
Formen von NCL gelernt haben.
Die verschiedenen Formen sind das Ergebnis von Mutationen oder
Veränderungen des genetischen Materials, welches die Informationen für
die Produktion einer Reihe verschiedener Proteine steuert, eines für
jede Form der Krankheit. Stetige Fortschritte gibt es bei dem
Verständnis der normalen Funktion dieser Proteine und wie diese durch
die Mutationen verändert werden. Nichtsdestotrotz, dies ist ein
schrittweise voranschreitender Prozess und zurzeit wissen wir immer noch
nicht vollständig, was jedes Protein innerhalb einer Zelle wirklich
tut. Dieses Wissen ist für die Entwicklung von Behandlungen
unerlässlich, denn die Eigenschaften eines jeden Proteins beeinflussen,
welche therapeutischen Optionen zur Verfügung stehen. Wesentlich ist,
dass nicht alle Optionen für alle Varianten der Krankheit zur Verfügung
stehen werden. Wir sollten auch sehr zurückhaltend sein mit
Erwartungen, dass irgendeiner der Ansätze zur Therapie eine Heilung
herbeiführen wird, stattdessen ist zurzeit eine Verlangsamung des
Verlaufs der Krankheit viel wahrscheinlicher.
Gentherapie:
Dieser Ansatz bedient sich eines Virus, um die (korrekte) genetische
Information eines mutierten Gens zu tragen. Dies ersetzt nicht das
mutierte Gen, sondern stellt eine zusätzliche, funktionierende Kopie der
genetischen Information bereit, um das fehlende Protein herzustellen.
Diese Strategie könnte bei der infantilen and spätinfantilen NCL am
besten funktionieren, weil dort das fehlende Protein ein lösliches Enzym
ist. Das heißt, nur ein kleiner Teil der Gehirnzellen müsste den Virus
erhalten und diese Zellen könnten als kleine biologische Fabriken das
Enzym produzieren und freisetzen, welches im Gehirn verteilt und von
anderen Zellen durch das Prinzip der „Cross-Correction“ aufgenommen
würde. Unglücklicherweise ist im Fall der juvenilen NCL das fehlende
CLN3 Protein eingebettet in die Zellwände („wall of
compartments“) im Inneren der Gehirnzelle (und
vielleicht an ihrer Oberfläche), das heißt, das Protein wird sich nicht
frei von Zelle zu Zelle ausbreiten können. Aus diesem Grund müsste jede
einzelne Gehirnzelle das Gentherapie-Virus erhalten, was in der Praxis
wahrscheinlich nicht möglich ist. Obwohl die Gentherapie einigen Erfolg
bei einer beschränkten Anzahl von Krankheiten hat, gibt es zurzeit
keinen Nachweis, dass dieser Ansatz bei infantiler oder spätinfantiler
NCL erfolgreich sein wird. Versuche, Mäuse mit infantiler NCL über die
Gentherapie zu behandeln, sind viel versprechend (siehe unten), aber es
ist offensichtlich, dass viel mehr Arbeit notwendig ist, um die Technik
zu optimieren. Durch die Cornell Gene Therapy Initiative wurde
jetzt ein Versuch unternommen, drei Kinder mit spätinfantiler NCL mit
Gentherapie zu behandeln. Allerdings ist es noch zu früh zu beurteilen,
welchen Effekt diese Behandlung hat. Der Gentherapie-Ansatz für
spätinfantile NCL ist bisher im Mausmodell ungetestet, da dieses erst
seit kurzem zur Verfügung steht (siehe unten).
Enzymersatztherapie:
Wenn das fehlende Protein ein lösliches Enzym ist, wie es im Fall der
infantilen und spätinfantilen NCL der Fall ist, wird es vielleicht
möglich sein, das Enzym dem Gehirn direkt zuzuführen. Dies setzt Wissen
darüber voraus, wie große Mengen des reinen Enzyms herzustellen sind und
wie das Enzym genau zugeführt werden kann – Studien um dies zu
erforschen, sind derzeit im Gange. Wie schon bei der Gentherapie
verhindert die Natur des CLN3 Proteins die Anwendung des
Enzymersatztherapie-Ansatzes für juvenile NCL.
Ablagerungen abtragen:
Alle Formen von NCL haben die Eigenschaft, dass sich
Ablagerungen in den Zellen des Gehirns und des Körpers bilden. Falls
diese Ablagerungen direkt zum Krankheitsverlauf beitragen, wird das
Aufbrechen und Abtragen der Ablagerungen möglicherweise helfen. Obwohl
Medikamente existieren, um die Ablagerungen von infantilen NCL-Zellen im
Laborversuch aufzubrechen, und diese zurzeit klinisch erprobt werden,
konnten diese Erfolge nicht im Tierversuch reproduziert werden. Ferner
ist immer noch nicht nachgewiesen, dass die Ablagerungen eine aktive
Rolle im Krankheitsverlauf spielen und ob das Entfernen der Ablagerungen
zu irgendwelchen funktionalen Verbesserungen führen würde.
Stammzellentherapie:
Stammzellen sind Zellen, die sich noch nicht
entschieden haben, was sie werden, und erhofft wird, dass sie dazu
gebracht werden können, zu jenen Gehirnzellen zu werden, die durch NCL
verloren gehen. Von diesem Ansatz zur Behandlung wird häufig erwartet,
in Zukunft eine ganze Reihe von Krankheiten des Gehirns heilen zu
können, einschließlich Alzheimer, Parkinson und Lou-Gehrig-Krankheit.
Allerdings lernen wir gerade erst, wie sich diese Stammzellen im Labor
verhalten, und dieser Ansatz ist nach wie vor weitgehend klinisch
ungetestet. Für NCL sind zwei unterschiedliche Ansätze möglich:
a)
Zellersatz, um jene Zellen im Gehirn zu ersetzen, die durch die
Krankheit verloren wurden oder
b)
als biologische Fabriken, um fehlende
Proteine im Gehirn zu produzieren und zu verteilen.
Zellersatztherapie ist theoretisch
für alle Formen von NCL möglich, aber bis dies gründlich getestet ist,
bleibt dies nur eine Möglichkeit, die die besten Heilungschancen
wahrscheinlich bei möglichst früher Behandlung aufweist.
Wie bereits weiter oben erläutert,
ist der Ansatz, mit Stammzellen fehlende Proteine im Gehirn
herzustellen, wahrscheinlich nur für infantile und spät infantile BD
Erfolg versprechend, aber auch dies muss zunächst ausführlich getestet
werden.
Immuntherapie:
Wir haben entdeckt, dass bei juveniler NCL das Immunsystem das Gehirn
anzugreifen scheint. Es ist noch nicht klar, ob dieses Verhalten des
Immunsystems („autoimmune response“) eine Schlüsselstelle im
Krankheitsverlauf innehat und wir arbeiten daran, dieses zu klären.
Falls nachgewiesen werden sollte, dass dies der Fall ist, könnte eine
Schwächung des Immunsystems hilfreich sein, was allerdings nicht ohne
Risiken wäre.
Andere Ansätze:
Vom Schmerzmittel Flupirtin wird vermutet, dass es positive
Auswirkungen hat, allerdings konnte dies bisher nicht im Tierversuch
nachgewiesen werden. Auch eine Reihe von Ernährungszusätzen, die
auf die Minimierung von Schäden durch freie Radikale oder die Zuführung
von Fettsäuren zielen, sind vorgeschlagen worden, ihre Wirkung muss
allerdings noch nachgewiesen werden.
Bis vor kurzem war die Bildung von
Erkenntnissen über spätinfantile NCL erschwert, da es kein geeignetes
Mausmodell gab, um gezielt zu forschen. Dieses Mausmodell gibt es jetzt
und Michael Chang von der Beverly Davidson’s Group (University of
Iowa) hat uns die ersten Berichte darüber gegeben. Spätinfantile NCL
ist das Ergebnis einer Mutation des Gens, das das Enzym TPP-1
(tripeptidyl peptidase-1) herstellt. Die normale Aufgabe dieses Enzyms
ist das Aufbrechen von Material, das in der Zelle nicht länger erwünscht
ist. Bei spätinfantiler BD ist die genetische Information verändert und
das hergestelltes TPP-1 funktioniert nicht mehr richtig. Warum dies zu
den Auswirkungen der Krankheit führt, wird zurzeit nicht verstanden,
aber diese TTP-1 knockout oder TPP-1-arme Maus ist möglicherweise ein
exzellentes Modell, um dies zu erforschen und potentielle Therapien für
diese Form der BD zu testen. Nach jahrelangen Versuchen wurde diese
Maus von David Sleat und Peter Lobel (Robert Wood Johnson
Medical School), der zuvor das TPP-1 Gen entdeckte, hergestellt. Wie
wir gehört haben, bekommt die Maus eine Krankheit, die der spät-
infantilen BD sehr ähnelt, wird kontinuierlich kränker und stirbt, bevor
sie 6 Monate alt ist. Das Gehirn dieser Mäuse ist eindeutig betroffen
und erste Ergebnisse zeigen, dass die Gehirnzellen sich mit Ablagerungen
füllen, die denen, die sich im Verlauf der Krankheit beim Menschen
bilden, sehr ähnlich sind. Die TPP-1 Mäuse haben auch Probleme, sich zu
bewegen, wenn sie älter werden, und dies kann getestet werden durch
Messungen, wie lange sie sich auf einem drehenden Stab halten können.
Im Moment wird ein detailliertes Bild zusammengetragen, wie die
Gehirnstruktur und Gehirnfunktion in diesen Mäusen durch spätinfantile
NCL beeinflusst wird. Diese Informationen sind eine unabdingbare
Vorraussetzung, um bewerten zu können, ob potentielle Therapien, wie zum
Beispiel die Gentherapie, erfolgreich sind.
Jetzt, wo Mausmodelle für die
meisten der verschiedenen Formen von BD existieren, werden die Gehirne
dieser Mäuse mit viel Aufwand untersucht. Jonathan Cooper
(Institute of Psychiatry, King’s College London) trug vor, welche
Lehren aus den Untersuchungen gezogen werden konnten, insbesondere von
den neueren Mausmodellen, die jetzt zur Verfügung stehen. Alle diese
Mäuse entwickeln NCL ähnliche Krankheiten und zeigen Muster von
Zellverlusten im Gehirn. Obwohl diese einander sehr ähnlich sind, gibt
es Zellverlustmuster, die spezifisch für jedes Mausmodell sind. Der
häufigste Typ von Gehirnzellen, die verloren gehen, sind die hemmenden
GABAergen Nervenzellen, welche im Normalfall dämpfend auf die
Gehirnaktivität wirken. Aber diese Zellen sind offensichtlich nicht
allein verantwortlich und die genaue Balance zwischen diesen hemmenden
und den anderen anregenden Zellen scheint wichtig zu sein.
Wir haben ein ungewöhnliches
Merkmal von NCL bei den Gliazellen (Zellen im Gehirn, die keine
Gehirnzellen sind) entdeckt, welche als Vorboten auf Probleme innerhalb
des Gehirns zu fungieren scheinen. Wir finden durchgängig, dass die
Astrozyten (sternförmige Gliazellen) und die Mikroglia (welche zu Pacman
ähnlichen Fresszellen wird) aktiv werden, bevor wir größere
Veränderungen im Gehirn erkennen können. Wir nutzen die Gliazellen, um
schon leichte Veränderungen in Gehirnregionen zu erkennen und dies hat
Vorkommnisse in zwei wichtigen Bereichen hervorgehoben. Einen, den wir
erwarteten, war der Kortex, der äußere Teil des Gehirns, der für einen
Grossteil der höheren Denkprozesse verantwortlich ist. Der andere
Bereich ist der Thalamus, eine wichtige Vermittlungsstation, um Reize
von der Außenwelt an den Kortex weiterzuleiten, die bei allen Formen von
NCL betroffen zu sein scheint.
Das Hauptziel des Sammelns von
Informationen dieser Art ist es, Marksteine zu setzen, wie und wo NCL
das Gehirn beeinflusst, um später beurteilen zu können, ob eine Therapie
funktionieren wird. In London haben wir jetzt genug über das Mausmodell
von infantiler BD gelernt, um anzufangen, das Potential der Gentherapie
zu erforschen.
Mark Sands (Washington
Univerity) sprach über die ersten Studien
mit „PPT-1-knockout“ Mäusen, bei denen ein zu den Adenoviren gehörender
Virus (AAV) zur Gentherapie genutzt wird, um das fehlende Enzym in das
Gehirn zu liefern. Eine AAV-Injektion bei Geburt reduziert die Menge
von Ablagerungen im Gehirn, aber nicht vollständig, und hat auch nur
Teileffekte beim Verhindern des Schrumpfens des Gehirns. Erhöhen der
Zahl der Injektionen hilft den Mäusen, besser bei dem Test mit dem
drehenden Stab abzuschneiden und lindert etwas ihre Krampfanfälle. Aber
trotz dieser positiven Ergebnisse ist es wichtig, hervorzuheben, dass es
nicht in einem einzigen Fall gelungen ist, das Leben einer PPT-1 Maus
durch AAV Injektionen zu verlängern. Die Ergebnisse zeigen, dass wir
viele von der Krankheit verursachte Veränderungen in den Mäusen
abschwächen konnten, aber keine wurde vollständig umgekehrt. Der
Gentherapie Ansatz könnte ein großes Potential haben, aber es ist klar,
dass wir den Virus selbst und die Art der Verabreichung stark verbessern
müssen, wenn wir den Effekt maximieren wollen.
Zusätzlich zu den Mausmodellen
werden Tiermodelle mit größeren und komplexeren Gehirnen sehr wichtig
sein. Eine Reihe verschiedener Arten, einschließlich Kühen, Schafen und
Pferden können Krankheiten bekommen, die der NCL sehr ähnlich sind,
allerdings kennen wir die zugrunde liegenden genetischen Ursachen nicht.
Martin Katz (Missouri University) studiert verschiedene
Hundefamilien, die eine NCL ähnliche Krankheit haben und nutzt diese, um
das Gen, das diese Krankheit verursacht, zu bestimmen. Das Gen ist auf
bestimmte Abschnitte des Erbmaterials eingeschränkt worden und ist
möglicherweise eine völlig neue Form von NCL. Da mehrere Hunderassen
NCL-artige Krankheiten aufweisen, gibt es Hoffnungen, dass in Zukunft
ein Hundmodell für jede Form von NCL gefunden werden kann.
Letztlich gab Pedro Huertas
(StemCell Inc.) ein Update über den potentiellen Einsatz
einer menschlichen Stammzellen-Linie als mögliche Therapie für infantile
NCL-Mäuse. Erste Informationen von StemCell Inc. die bei der
NCL2003-Konferenz in Chicago vorgestellt wurden, ließen vermuten, dass
diese menschliche Stammzellen- Linie in eine immungeschwächte PPT-1 Maus
eingepflanzt werden kann. Wir haben jetzt gelernt, dass ein sehr
kleiner Teil dieser eingepflanzten Stammzellen sich in verschiedene
Arten von Gehirnzellen entwickeln kann, aber es ist noch nicht klar, ob
diese Zellen funktionieren. Obwohl kleine Verbesserungen beim Abtragen
der Ablagerungen, die sich im Gehirn bilden, nachweisbar sind, ist es
bis jetzt noch völlig unklar, ob dieser Ansatz möglicherweise die
umfangreichen Varianten von Gehirnschäden, die katalogisiert sind,
umkehren kann. Bis jetzt wurde noch von keinen medizinischen
Verbesserungen in behandelten Mäusen berichtet, und es ist noch zu früh,
um irgendwelche Aussagen über diesen Zelltypus als Behandlung zu
machen. Diese Zellen müssen erst systematisch getestet werden und
zeigen, dass sie sowohl sicher und effektiv bei der Behandlung von
Mausmodellen und dann bei Primaten sind, bevor irgendwelche klinischen
Versuche unternommen werden können.
Klinische
Gentherapie-Studie für spätinfantile NCL beginnt
Im Juni dieses Jahres begann eine klinische Studie
mit der Gentherapie für spätinfantile NCL. Der Versuch, der
AAVcuCLN2 Genersatz nutzt, der von Dr. Ron Crystal,
Cornell University entwickelt wurde, wurde von der FDA genehmigt
und das erste Kind behandelt. Zwei weitere Kinder sind behandelt
worden. Es wird einige Monate dauern, ehe Ergebnisse vorliegen.
Bisher geht es den ersten Kindern, die behandelt worden sind, gut.
Die Studie zeigt den Erfolg der Arbeit von Nathan’s Battle.
Zusätzliche Informationen und Updates siehe unter
www.nathansbattle.com